Über mich – viel länger

 

1 Jahr alt oder so

Wie alles begann …

Als 69er Jahrgang war man nie einsam. Kindergarten, Schule, Ausbildungsplätze – überall wimmelte es von Bewerbern. Aus der Menge herausstechen konnte man mit sehr wohlerzogenem Benehmen (ich nicht), damit, andere zu hauen (versucht, schief gegangen) oder einfach aufsässig zu sein (ich).
Laut meiner älteren Schwester (keine weiteren Augenzeugen) war meine frühkindliche Lieblingsbeschäftigung mit einem Bindfaden in der Ecke zu sitzen und mich still zu beschäftigen. Ob das ein Zeichen für eine besondere Phantasiebegabung oder der Beginn einer Störung war, ist bis heute nicht eindeutig belegt.

 

Einschulung, also vermutlich 6 Jahre alt

Wie es zuerst schlimmer wurde …

Linkshänderinnen wie ich wurden damals in der Provinz ab der ersten Grundschulklasse noch umerzogen, und ich lernte unter großen Mühen mit rechts schreiben. Erste Erfolge der Rechtsfolter zeigten sich schnell, aber anders als erwartet. Der Ausspruch „zwei linke Hände haben“ wurde von mir mit einer 4 – in Kunst untermauert. Ähnliches passierte im Fach Hauswirtschaft, wo ich nicht mal eine vernünftige Wurst aus der Strickliesel pressen konnte oder in Musik, weil ich damals nicht wusste, dass man die Seiten einer Gitarre auch andersherum aufziehen konnte. Viele Jahre Gitarrenunterricht später war klar, dass ich unter einer Kombi-Schwäche litt. Umfunktionierter Linkshänder und null Gehör für Noten oder Töne. Ich konnte sie nur ablesen. Radierte jemand eine Note aus, radierte ich den Ton dazu aus und merkte es nicht mal.

 

Wie sich Vorlieben ausbilden …

Die Gitarre verstaubte, meine Faszination für das Lesen stieg. Dabei war kein handwerkliches Talent gefragt und es war egal, mit welcher Hand ich die Seiten umblätterte. Mein erstes selbstgelesenes Buch war „20.000 Meilen unter dem Meer“. Danach hörte ich nie wieder auf zu lesen. „Hanni und Nanni“, „Tina und Tini“ und alles von Enid Blyton bildeten den Lese-Grundstock. Schnell entdeckte ich die Bücher von Konsalik und erlag der Brutalität von „Der Arzt von Stalingrad“ und anderen zweifelhaften Werken. Ich lieh mir mit einem gefälschten Schülerausweis (es fehlten wirklich nur noch Monate bis zur magischen Altersgrenze) alle Teile von „Der weiße Hai“ aus. Im Kino erschien der Schocker „Der Exorzist“. Gerüchte über die Brutalität des Filmes waren im Umlauf. Zufällig entdeckte ich die Romanvorlage in unserer Dorfbücherei und war schockiert. Den dazugehörigen Film sah ich erst 20 Jahre später. Nachmittags. Bei Tageslicht.

Wie man einen Beruf findet …

In der neunten Klasse sollten wir uns überlegen, was wir werden wollten. Sängerin fand ich cool, weil ich dachte, man nimmt einmal eine Platte (Hintergrundinfo für Generation Y: so groß wie ein Essteller, aber schwarz verbrannt, klingt beim Abspielen daher wie Lagerfeuer, passt nicht in einen CD-Player) auf und stellt sich ab und an vor Publikum, um ein paar Lieder zu trällern. In dem Berufe-Buch des Arbeitsamtes (heute: Agentur für Arbeit) stand leider, dass man musikalisch sein musste. Daher war der Traum schnell umgeblättert.
Da Auffallen durch Verhauen von Mit-Kindergarten-Kindern früh gescheitert war, wollte ich Justizvollzugsbeamtin werden. Da besaß ich die Macht mittels Schlüssel und Amtsgewalt. Praktika in Gefängnissen waren für Schüler verboten. So steckte man mich ins Grundbuchamt der Stadt Osterode. Ich legte den ganzen Tag Grundbuchakten an. Nach drei Wochen waren vom Heften meine Finger kaputt und das Amt hatte genug Akten, um das gesamte Sonnensystem bis zum Ende aller Tage zu katalogisieren. Als Beschäftigungstherapie sollte ich einen alten Schreibtisch aufräumen.
Und da sah ich sie. In der letzten Schublade lagen mit Schreibmaschine getippte Obduktionsberichte. Sie waren vergilbt und brüchig, aber vor allem faszinierend. Jeden Tag las ich heimlich die verbotenen Seiten. Meine morbide Phantasie, die schon durch Konsalik angefeuert wurde, wuchs umgekehrt proportional zu meinem musikalischen Talent. Aber daraus ließ sich kein erlernbarer Job ableiten. Schließlich ergriff ich den exotischen Ausbildungsberuf Industriekauffrau.

Ausbildung, 17 Jahre alt

Lehrjahre…

In der EDV-Abteilung der Firma trugen die Männer weiße Kittel und dösten tagaus tagein vor grünen Monitoren und Lochkartenlesern. Nur, wenn die Glocke zur Pause schrillte, schreckten sie hoch, wickelten ihr Butterbrot aus und tranken bitteren Kaffee aus der mitgeführten Thermoskanne. In der Datenerfassung saßen die Frauen wie Hühner auf der Stange und tippten den ganzen Tage Aufträge ins System. Da ich ja mittlerweile beidhändig arbeiten konnte, tippte ich erst so lange, bis ich rechts einen Gips bekam und dann weiter, bis sich auch links die Sehnen entzündeten. Ich trug dann monatelang zwei Gipsarme und habe niemals wieder so viel Menschen kennengelernt. Da ich natürlich nicht zu Hause bleiben durfte, wurde ich die lebende Rohrpost der Firma. Man lud mir auf die Arme Unterlagen und ich dackelte über das weitläufige Firmengelände der Nudel- und Marmeladenfabrik, um alles zu verteilen.

In meinem Abschlusszeugnis stand die Bemerkung „Fräulein Voß hat sich gut geführt und interessierte sich vor allem für übergeordnete Zusammenhänge“. Das meint vorne das Gegenteil und hinten sagt es aus, dass ich mich null für meine Arbeit als Auszubildende interessierte, aber für alles, was mich nichts anging.

 

Wie man ihn wieder verliert …

Nach Zwischenstationen in Berlin und Goslar zog es mich nochmals auf die Schulbank und ich wurde eine Betriebswirtin mit den Schwerpunkt Finanz- und Investitionsrechnung. Während der Weiterbildung bewarb ich mich bei einem bundesweit arbeitenden Personaldienstleister. Dessen ausgefeilter Psychotest ergab, dass „Frau (immerhin nicht mehr Fräulein) Voß zur Demontage von Autoritäten neigt, wenn sie deren Sach- und Fachkompetenz nicht anerkennen kann“.

Das führte dazu, dass ich seit 1996 selbstständig bin und folgerichtig niemanden mehr demontieren kann. Seitdem versuche ich mit unterschiedlichem Erfolg meinen KollegInnen eine so gute Chefin zu sein, wie ich sie gerne gehabt hätte. Die Menschen in meiner kleinen Firma sind unfassbar gut, so dass wir uns durch alle Stürme der Branche, der Konjunktur, der Region, der was-auch-immer schon seit vielen Jahren behaupten.
Wie es anfing, sich zu verändern …

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Geschäftsführerin, um 40 Jahre alt

Da die Firma umso besser ist, je weniger ich mich ins Tagesgeschäft einmische, musste mein unruhiger Geist (Zitat Grundschulzeugnis, erste Klasse) sich ein paar Nebenfelder suchen. Irgendwann las ich Stieg Larsson und war fasziniert. Was machte seine Bücher so anders, als die abertausenden Werke, die ich bis dahin schon gelesen hatte? Ich wollte das verstehen und fing an, Ratgeber übers Schreiben und Biografien von Autoren zu lesen. Eine neue Welt tat sich auf. Ich bekam eine Ahnung, wie man Geschichten aufbaute. Konnte man sowas lernen? Falls ja, würde ich das können?

Ich recherchierte im Internet und meldete mich zu einem 24-monatigen Fernstudium an. Kurz vor Ende des Fernstudiums wurde ich unruhig. Ich kannte nun viele Regeln, Textgattungen und hatte verstanden, dass ich vieles nicht wusste. Parallel dazu brachte die Akademie ein Studiengang über 30 Monate namens „Romanwerkstatt“ auf den Markt. Ich schrieb mich sofort ein und mit meiner Vorliebe für Serienkiller, Forensik und Psychopathen war auch sofort klar, dass ich nur einen Thriller schreiben wollte. Nichts anderes. Ich bekam als Studienleiterin Kathrin Lange zugeteilt. Das war mein Glück. Sie verlangte von der ersten Einsendeaufgabe viel von mir. Ich sollte auch das Handwerkszeug richtig anwenden, das erst in späteren Lehrheften behandelt wurde. Also bat ich in der Zentrale immer um die Zusendung eines weiteren 6-Monats-Zyklus, las alles durch und versuchte dann die Einsendeaufgabe, die offiziell dran war, mit dem oberflächlichen Wissen des nächsten Zyklus besser zu schreiben.

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Teilnehmer vom Andreas-Eschbach-Seminar (Meister in grauem Pulli)

Ich buchte jeden Wochenendkurs, der mir sinnvoll erschien und mein Wissen über das Handwerk des Schreibens wuchs weiter an. Ich lernte und schrieb im Urlaub, an Feiertagen, am Wochenende, abends nach der Arbeit und erklärte den Montag zu meinem Vollzeitschreib- und lerntag.

Wie es erst in die eine Richtung zog …

In den folgenden drei Jahren schrieb ich meinen Thriller fertig. Dazu reiste ich mit einer Freundin in die Ukraine, ließ mich versehentlich von einem Rudel wilder Hunde anfallen, interviewte Forscher, HIV-Ärzte, einen Professor für Kriminologie, Hotelbesitzer, Café-Betreiber, Pathologen, besuchte die Gerichtsmedizin und vieles mehr.

Kiew-Bahn klein

Tina (links) und Sandra in Kiew auf Recherche-Reise, 2012

Als ich in den letzten Zügen meines wirklich bösen Manuskriptes lag, bekam ich einen Anruf, ob ich nicht Lust hätte, einen Chicklit-Roman zuschreiben. Frei übersetzt bedeutet das: lustiger Frauenroman. Kleines Extra: es sollte ein Hund dabei mitspielen. Ich unterbrach die grausame Mordszene, an der ich arbeitete, beobachtete den schnarchenden Mops und sagte zu.
Am 31.12. eines Jahres hatte ich den Thriller fertig und fing nachmittags am 01.01. mit den ersten Überlegungen für einen lustigen Frauenroman an. Gemeinsam mit Freunden ersann ich die Figuren. Kai, meine Hauptfigur wurde ein Mix von uns allen (allerdings jünger, deutlich jünger), die Nachbarin der einen stand ein winziges bisschen Pate für Juli, der Doktorvater der anderen lieferte den Rahmen für Ludger und Herr Karlsson, mein Mops, wurde zu Bernd.

Und dann doch was ganz anderes wurde …

Ich reichte ein Exposé, eine Figurenskizze und ein erstes Kapitel ein. Kurz darauf bekam ich vom Dryas-Verlag das Go. Ich legte los und lernte Schreiben von einer komplett anderen Seite kennen. Die Sätze rasten über den Bildschirm, ich klatschte vor Vergnügen in die Hände und bearbeitete wie entfesselt die Tasten. Woche für Woche wuchs der Roman weiter.

Anna-Tina-undKuh

Anna (rechts), Tina (links), Buntgescheckte (hinten)

Nach 100 fertigen Seiten wurde mir das alles unheimlich, und ich schickte das unfertige Manuskript an meine Verlegerin. Ich schrieb, dass ich etwas unsicher wäre, weil das Schreiben so leicht ginge, daher etwas nicht stimmen könne und bat um Hilfestellung. Nach nur einem Tag kam die Antwort: weitermachen.
Ich besuchte mit einem Rudel Tierärzte eine Rinderversteigerung in Verden, aß veganes Zeug, interviewte meine Tierarzt-Freundin, die Kühe liebte, bekam von einer Freundin die schrägsten Infos rund um Kinderstoffe, webte einen Mopsstoff in die Handlung und schrieb weiter. Als meine Testleser mich anriefen und mir sagten, wann sie am lautesten gelacht haben und sich auf mehr freuten, war ich noch motivierter und schrieb weiter. Eine Freundin erzählte von ihrer uralten Jack-Russel-Hündin Bibi. Ich lag unterm Tisch vor Lachen und baute sofort Bibi in die Handlung ein.

 

Irgendwann schrieb ich das Wort Ende. Irgendwann druckte die Druckerei tatsächlich das Buch.

Schaffell-Mops

Mops Herr Karlsson, Künstlername: Bernd

Wahnsinn. Oder?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 thoughts

  1. Ich liebe dein Buch und das Mama-Sein eines vorpubatären Buben, der Job, mein lieber Mann und die Sucht der Näherei haben mich bisher oft beim Versuch mal wieder ein Buch zu lesen, nach spätestens 2 Seiten in die Knie gezwungen und einschlafen lassen…

    Dann habe ich bei instagramm ein bild deines Buches entdeckt, hochgeladen von „enemenemeins“. Der Titel, das Cover, der Mops – die gepostete Seite – reichten aus dass ich das Buch sofort im Buchladen vor Ort bestellte.

    Heut bin ich bei deinem „Ende“ angelangt. Und hab lange nicht mehr so zielstrebig, ausdauernd und schmunzelnd in ein Buch geguckt. Gelesen hab ich nicht nur abends – und mehr als 2 Seiten am Stück…sondern auch während der Joga – Stunde meines Buben.

    Es ist klasse…es ist lustig und herrlich. Ich freue mich aufs nächste und lese genauso gern auf deinem Blog hier. Du hast eine herrliche Art zu Schreiben.

    Liebe Grüße !

  2. Hallo liebe Steffi,
    danke für diese super liebe Nachricht und vor allem für den Motivationsschub! Ich schreibe gerade am 2. Teil und bin bei der Hölfte angelangt. Jetzt habe ich noch viel mehr Spaß daran, Gas zu geben!

    Viele Grüße und eine gute Zeit
    Tina Voß

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